Botanische Wanderungen auf den Monte Baldo

Monte Baldo – Zauberberg aller Pflanzenfreunde, dessen Ruf als Blumenparadies die Jahrhunderte überdauert hat. Seinen bleibenden Ruhm verdankt er dem Veroneser Apotheker Externer Link Francesco Calzolari, der im Jahr 1551 den für seine Zeit ungewöhnlichen Entschluß fasste, den Berg vor seiner Haustüre zu besteigen und nach Heilkräutern zu suchen.

Die Ergebnisse dieser und weiterer „Expeditionen" veröffentlichte Calzolari 1566 in einer kleinen Schrift mit dem Titel "Il viaggio di Monte Baldo", eine Beschreibung der Höhenstufen mit Pflanzenlisten und Beobachtungen über die Gesteine und das Klima.

 
   


Zwei Dinge sind es, die den Monte Baldo auch heute noch aus der Fülle lohnender Südalpenberge herausheben und zu etwas Besonderem machen: die isolierte, freie Lage der Gipfel, der unglaubliche Kontrast, wenn man aus der sommerheißen, mediterranen Uferlandschaft mit ihren silbernen Olivenhainen und dunklen Zypressensäulen hinauffährt durch Buschwald und duftende Bergwiesen in die herrlich kühle Gipfelregion. Dann steht man an der Kante der zum See abstürzenden Felswände, schaut tief hinab auf die blinkende Seefläche oder die im blauen Dunst des Südens verschwimmende Poebene.

 
   

Dem Naturfreund bietet sich hier – einmalig in den Alpen – die Gelegenheit, alle Höhenstufen der Vegetation von der immergrünen mediterranen Steineichenmacchie aufwärts durch Flaumeichen-Hopfenbuchen-Buschwald, die Buchen-, Fichten- und Legföhrenstife bis zu den Alpinen Rasen der Gipfel hinaufzuwandern oder in einer Seilbahnfahrt von zehn Minuten Dauer wie in einem Film zu überschauen.

 
 

 

Am leichtesten erreichbar ist der Nordgipfel – fälschlich "Altissimo" (der "Höchste") benannt, obwohl er mit 2078 Metern deutlich niedriger ist als der südliche Monte Maggkore (2199 m). Von Malcesine kann man mit der Seilbahn auf die Colma (1750 m) hinaufschweben, überschaut dabei alle Höhenstufen und ist schon mitten drin in den Bergwiesen. Die landschaftlich großartige Wanderung führt ziemlich eben nach Norden, über sanfte Wiesenflächen voll Arnika und Kohlröschen bis zum natürlichen Ende in Form senkrechter Felsabstürze. Nun geht es steil hinunter nach Osten bis zum Fahrweg, der von der Bocca di Navene zur Seilbahnstation hinaufführt. Schon oberhalb der tiefsten Einsattelung, der Bocca di Navene (1430 m), treten wir in die von Lichtungen durchsetzten Buchen- und Goldregenbüsche der Waldgrenze ein, wo Mitte Juni purpurn die Pfingstrostenbüsche, weiße und lila Zahlwurz, Maiglöckchen und Schwarze Königskerze blühen. Nach einer Rast können wir wieder zur Bergstation zurückkehren oder in weiteren zwei Stunden den Altissimo angehen. Wir folgen erst ein Stück der Fahrstraße nach Norden und zweigen dann nach links ab auf einen gut markierten Steig, der in Serpentinen nach oben zu Grat führt. An der Gratkante bricht der Berg dann steil zum See ab, ein märchenhafter Teif- und Weitblick tut sich auf. Bei etwa 1800 m Höhe lohnt ein genauerer Blick in die senkrechten Felswände: unerreichbar kleben kleine weiße Blütenkugeln eines seltenen Polstersteinbrechs in den Spalten. Bald erreichen wir die alte Kriegsstraße, die zum Gipfel führt, wo die Baldo-Schmuckblume um diese Zeit schon Früchte ansetzt.

 

Ein zweiter Zugang führt von Mori über Brentonico und San Valentino bis zum höchsten Punkt der Baldostraße (Rif. Graziani, 1620 m), wo man parken kann und entweder direkt über die alte Kriegsstraße zum Gipfel gelangt oder – botanisch viel lohnender – der Straße weiter abwärts folgt bis zu einem Steig, der schräg den Hang hinauf zum Grat führt. Lohnend, aber sehr weit ist der Abstieg vom Altissimo nach Nago. Besser – als dritte Variante – ist der umgekehrte Weg: von Nago auf asphaltierter Straße bis über die Waldgrenze und von hier zu Fuß durch Bergwiesen zum Monte Varagna und weiter zum Gipfel.

 

Hier noch einmal zusammenfassend die botanischen Besonderheiten des Monte Baldo und der judikarischen Berge: 1. Besonders im Talbereich, aber auch in der alpinen Höhenstufe oberhalb der Waldgrenze sind zahlreiche südliche Florenelemente zu finden, die in den Alpen nur im warmen Klima des Südalpenrandes vorkommen (Pfingstrosen, Affodil, Paradiesblume). 2. Reichtum an altertümlichen, außer in dem kleinen Areal zwischen Etsch und Comer See sonst nirgends auf der Welt vorkommenden Pflanzen („Endemiten"). Das heutige Verbreitungsgebiet liegt außerhalb der eiszeitlichen Vergletscherung. Diese Pflanzen sind demnach älteste Relikte der voreiszeitlichen Alpenflora, gewissermaßen "lebende Fossilien".

 

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